Schweizer arbeiten zunehmend am liebsten beim Staat oder staatsnah – die Ausländer decken den Bedarf der Privatwirtschaft
Die Zuwanderungsdebatte in der Schweiz dreht sich fast immer um dieselben Themen: Wohnungsmarkt, Verkehr, Dichte, Belastung. Alles berechtigte Themen. Nur gerät dabei leicht aus dem Blick, wo der Wohlstand dieses Landes überhaupt entsteht und wo die Zuwanderer arbeiten. Zuwanderung erhöht den Wohlstand der Schweiz - ohne nur in die Breite zu wachsen. Eine aktuelle Analyse unseres Dachverbands untersucht die Beschäftigungsentwicklung von Ausländern und Schweizern in Branchen sowie die Auswirkung auf die Schweizer Wirtschaft.
In der Analyse werden die Branchen zur Einordnung in drei Kategorien gegliedert: Marktorientiere Branchen (Privatwirtschaft), staatsnahe beziehungsweise regulierte Branchen sowie Kernstaat. Letztere Kategorie umfasst die öffentlichen Verwaltung von Bund, Kantonen und Gemeinden. Die zugrunde liegenden Daten stammen aus der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des Bundesamtes für Statistik (BFS).
Die Auswertung zeigt, dass Kernstaat und staatsnahe Branchen zusammen den grössten Teil des Beschäftigungswachstums ausmachen. Aus Wachstumsperspektive ist dies problematisch. Zwar erfüllen auch diese Bereiche zentrale gesellschaftliche Aufgaben - etwa ein funktionierendes Gesundheitswesen -, doch beruht der Wohlstand der Schweiz in besonderem Mass auf marktorientierten Branchen. Gerade dort fällt die Beschäftigungsentwicklung jedoch vergleichsweise schwächer aus.
Beschäftigungswachstum in der Privatwirtschaft wird von Ausländern getragen
In den marktorientierten Branchen wird der zusätzliche Beschäftigungszuwachs nahezu ausschliesslich von ausländischen Arbeitskräften generiert. In staatsnahen Bereichen und im Kernstaat hingegen stammt der überwiegende Teils des Beschäftigungszuwachs von Schweizerinnen und Schweizern. Vereinfacht ausgedrückt: Arbeitskräfte aus dem Ausland finden vor allem in die Privatwirtschaft Beschäftigung, während viele Schweizerinnen und Schweizer Tätigkeiten im staatlichen oder staatsnahen Umfeld bevorzugen.
Diese Entwicklung ist wirtschaftlich relevant: Wenn das Beschäftigungswachstum gerade in den wertschöpfungsintensiven, marktorientierten Bereichen hauptsächlich durch Zuwanderung getragen wird, geht es dabei nicht nur um mehr quantitative Ausweitung der Arbeitskräfte. Es geht auch um die Funktionsfähigkeit der wertschöpfungsintensiven Teile der Wirtschaft.
Öffentliche Verwaltung bei Schweizern an dritter Stelle
Wie aber ist das möglich, dass fast nur Ausländer das Beschäftigungswachstum in marktorientierten Branchen tragen. Die Beschäftigung von Schweizerinnen und Schweizern nahm deutlich stärker in staatsnahen Branchen und in der öffentlichen Verwaltung zu. Insbesondere im Detailhandel und in der Landwirtschaft zeigt sich ein Strukturwandel. Dort hat sich die Beschäftigung von Schweizerinnen und Schweizern negativ entwickelt. Das heisst nicht, dass diese Personen erwerbslos wurden. Oftmals sind dies Abgänge in die Pension.
Am stärksten gestiegen ist das Wachstum bei Schweizern in der Gesundheits- und der Betreuungsbranche und dann bei der öffentlichen Verwaltung. Werden alle diese Zu- und Abgänge über die Branchen addiert beziehungsweise subtrahiert, ergibt sich das Nettowachstum von etwas über 200’000 Beschäftigten.
Qualitatives Wachstum dank Zuwanderung?
Zwar lässt sich nicht exakt bestimmen, wie sich der Wohlstand in der Schweiz ohne die Zuwanderung oder die Personenfreizügigkeit entwickelt hätte. Der Fakt, dass Zuwanderer in marktwirtschaftlichen Branchen übervertreten sind, ist aber ein starker Hinweis darauf, dass Zuwanderung nicht nur einfach die Menge an Arbeitskräften erhöht, sondern auch qualitative Effekte auf die Wirtschaftsleistung hat.
Das deckt sich mit anderen Indizien, etwa damit, dass Zuwanderer den Arbeitsmarkt verjüngen, was tendenziell einen positiven Einfluss auf die Innovationsfähigkeit hat. Oder damit, dass Zuwanderer im Schnitt etwas höher ausgebildet sind als Einheimische. Das alles sind Kanäle, welche das Potenzial haben, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen.
Abschliessend bleibt die Frage, weshalb Ausländer häufiger in der Privatwirtschaft tätig sind, während Schweizerinnen und Schweizer eher staatsnahe Bereiche bevorzugen. Eine mögliche Erklärung ist etwa, dass bei der öffentlichen Verwaltung die Arbeitsbedingungen sehr attraktiv sind. Gleichzeitig haben Schweizer dort einen Wettbewerbsvorteil, etwa weil sie die Sprache (oder oft auch mindestens eine zweite Landessprache) beherrschen oder ihnen das politische System besser vertraut ist. Möglicherweise ist auch der Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck etwas weniger stark ausgeprägt. Bei Ausländern hingegen gibt es möglicherweise einen Selektionseffekt: Wer sein Herkunftsland verlässt, ist möglicherweise eher bereit, sich in einem wettbewerbsintensiven Umfeld zu behaupten.
Das Fazit
Die Beschäftigungsentwicklung zeigt ein klares Muster: In den marktorientierten Branchen wurde das zusätzliche Wachstum der letzten Jahre fast nur von Ausländern getragen, während Schweizerinnen und Schweizer stärker in staatsnahen Bereichen und in der öffentlichen Verwaltung zulegten.
Damit rückt ein Punkt in den Vordergrund, der in der Zuwanderungsdebatte oft zu kurz kommt. Es geht nicht nur um die Menge der Zuwanderung, sondern auch um ihre Rolle im Arbeitsmarkt. Gerade die wertschöpfungsintensiven Teile der Schweizer Wirtschaft sind offenbar stark auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Dazu kommen weitere Tendenzen, etwa die Verjüngung des Arbeitsmarkts und das oft höhere Qualifikationsniveau von Zuwanderern. Beides kann auch Innovationen begünstigen und damit über den reinen Mengeneffekt hinaus wirken.
Ausländer definiert als Personen, die im Ausland geboren wurden.
Zur detaillierten Analyse des SAV und den Daten des SAKE und BFS