HKGR Meinungen | 10-Millionen-Schweiz: Nachhaltigkeits- oder Chaos-Initiative?
In unserer Rubrik «HKGR Meinungen» kommen unsere Mitglieder und Partner zu Wort - mit persönlichen Perspektiven und Positionen zu aktuellen Themen und Debatten. So unser Mitglied Max Lüscher-Marty, Inhaber des Instituts für Banken und Finanzplanung in Zizers, mit seiner Analyse zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)».
Die Volksinitiative der SVP «Keine 10-Millionen-Schweiz» verspricht (demographische) Nachhaltigkeit. Anders die Initiativ-Gegner: Sie meinen, deren Annahme führe ins Chaos. Befürworter wie Gegner schüren fleissig die Emotionen. Das gehört leider zum üblichen politischen Spiel. Im Klartext: Die Initiative ist weder nachhaltig, noch würde sie uns ins Chaos stürzen.

Vorbemerkung
Die Wenigen, die das eine oder andere meiner Statements bemerkt haben, wissen, dass ich gerne lange zurückschaue. Dies in der Hoffnung, etwas daraus zu lernen und – wenn kurzfristige Entwicklungen aus dem Ruder zu laufen scheinen – etwas mehr Gelassenheit zu gewinnen.
Ich habe seit Anfang Mai versucht, die demographische Entwicklung der Schweiz etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Was ich aus etlichen (bruchstückhaften) Datensätzen herausgefiltert habe, will ich im Folgenden präsentieren. Der Diagramme (17) sind etwas gar viele, ehrlich gesagt zu viele. Weil mir ein «Streichkonzert» schwer fiel, setze ich meine Schlussfolgerungen an den Anfang. Wenn trotzdem viele Leserinnen und Leser bis zum Schluss durchhalten, würde mich das natürlich freuen.
Schlussfolgerungen aus der langen demographischen Rückschau
Offen gestanden, habe ich zwei Herzen in der Brust. Einerseits erachte ich die jüngste Zunahme der ständigen Wohnbevölkerung in der Schweiz als echtes Problem. Aus der langen Geschichte ziehe ich aber die Erkenntnis, dass das Bevölkerungswachstum mit erheblichen Schwankungen einhergeht. Es könnte also durchaus sein, dass der aktuelle Boom nach und nach durch moderate Wachstumsraten abgelöst wird und womöglich gar ins Negative dreht. Eine länger anhaltende wirtschaftliche Stagnation, Rezession oder Stagflation könnte der Grund dafür sein. Ob sich das Korrektiv der 1970er Jahre (negativer Wanderungssaldo der Ausländer) wiederholen wird, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Dem steht die Personenfreizügigkeit entgegen.
Für mich ist die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» der falsche Weg: Zahlen sind wichtig, Grenz-werte sind es nicht. Sie reflektieren in aller Regel den aktuellen Stand des Irrtums. Ehrlicher und fast sicher zielführender wäre es, mit der EU eine stark abgespeckte Freizügigkeitsregelung auszuhandeln. Mit einer EU, die politisch und wirtschaftlich schwach und schwächer wird, müsste dies möglich sein. Kleinmut und vorauseilender Gehorsam sind fehl am Platz.
Im Übrigen vertraue ich darauf, dass das aktuelle Vertragswerk «Bilaterale III» vor dem Schweizer Stimmvolk (Volk und Stände) keine Gnade finden wird. Machen wir uns also daran, das Vertragswerk auf das absolut Notwendige und in beidseitigem Interesse Nützliche zurückzustutzen.
Und zu guter Letzt. Besinnen wir uns wieder auf erfolgversprechende Tugenden: mehr Fleiss, mehr Wagemut, mehr Selbstverantwortung, weniger Zaudern, weniger Unterwürfigkeit.
Entwicklung der ständigen Wohnbevölkerung seit 1850
Vom 31.12.1850 bis zum 31.12.2025 ist die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz von rund 2.393 Mio. auf 9.124 Mio. angewachsen. Das entspricht einer Steigerung um den Faktor 3.813. Für die Einwohner mit Schweizer Bürgerrecht rechnet sich ein Faktor von 2.843 und für die zugewanderten Einwohner aus dem Ausland ein Faktor von 35.097. Die Ausländerquote hat von gut 3% (1850) auf 27,69% (2025) zugelegt. Die Entwicklung der Quote ist jedoch ausgesprochen volatil.

Wachstumsanalyse der gesamten ständigen Wohnbevölkerung
Was auf den ersten Blick nach einer stetigen Zunahme der ständigen Wohnbevölkerung aussieht, erweist sich auf den zweiten Blick als Trugschluss. Die Entwicklung ist vielmehr geprägt durch mehrere starke Wachstumsschübe und darauf folgende Wachstumsverlangsamungen. Zweimal war das Wachstum sogar negativ, so 1918 (Stichwort: Spanische Grippe) und 1975/76 (Stichwort: erste Ölpreiskrise).

Das Auf und Ab der ständigen Wohnbevölkerung wird bestimmt durch den Geburtenüberschuss (Geburten minus Todesfälle) und den Wanderungssaldo (Zu-/Abwanderung von In- und Ausländern).
Wie Abbildung 02 zeigt, gab es vor 2000 drei Wachstumswellen: die erste um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert, die zweite in den 1950er/1960er Jahren und die dritte in den 1980er/1990er Jahren.
Der Geburtenüberschuss (Abb. 03) hat alle drei Wellen mitbestimmt, bei der ersten Welle zu rund vier Fünfteln, bei der zweiten Welle zu rund einem Drittel und bei der dritten Welle zu rund einem Viertel.

Die Folgerung, wonach der Wanderungssaldo von Welle zu Welle eine grössere Rolle gespielt hat als der Geburtenüberschuss, liegt auf der Hand. Das folgende Diagramm bestätigt diesen Befund:

Abbildung 05 macht die Wachstumskomponenten von 1860 bis 2025 transparent. Im Jahr 1902 – beim ersten Peak – wuchs die ständige Wohnbevölkerung um 47'062 Personen, davon 38'779 Geburtenüberschuss und 8'283 Wanderungssaldo. Beim zweiten Peak (1961) summierten sich der Geburtenüberschuss von 48'234 und der Wanderungssaldo von 100'048 auf den Einwohnerzuwachs von 148'282.

Wachstumsanalyse der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung
Gleich wie die Gesamtbevölkerung wächst die ständige ausländische Wohnbevölkerung wellenförmig mit Spitzen in den Jahren 1961 (+104'581), 1991 (+65'855), 2008 (+67'622) und 2023 (+121'265). Von Ende 1974 bis Ende 1979 sank die ausländische Wohnbevölkerung – im Kontext der ersten Erdölkrise – um fast 180'000 Personen.

Die Wachstumsanalyse umfasst hier drei Komponenten. Zum Geburtenüberschuss und zum Wanderungssaldo gesellt sich die Einbürgerung von ausländischen Staatsangehörigen.
Der Geburtenüberschuss zeigt – was die Wellen und die Peaks betrifft – dasselbe Grundmuster wie jenes der Gesamtbevölkerung.

Die Entwicklung des Wanderungssaldos (Abb. 08) mit Spitzen in den Jahren 1961 (+101'135), 2008 (+103'363) und 2023 (+147'751) ist markant. Da trifft die Initiative der SVP ohne Wenn und Aber einen wunden Punkt. Ob es auch in Zukunft so etwas wie eine automatische Regulierung wie in den 1910er und 1970er Jahren geben wird, ist zweifelhaft (Stichwort: Personenfreizügigkeit).

Der Wanderungssaldo ist eine Nettogrösse aus Ein- und Auswanderung, man könnte auch sagen der Saldo aus Zu- und Rückwanderung. Dazu Abbildung 09. Sie zeigt den Personenverkehr von ausländischen Zu- und Wegzügern seit 1974.

Interessant ist, dass sich die Schere zwischen Ein- und Rückwanderung mehr und mehr ausweitet. Es wandern immer mehr Ausländer ein, aber immer mehr Ausländer auch wieder aus.
Was bei der Wachstumsanalyse der ausländischen Wohnbevölkerung gerne vergessen geht, ist der abschwächende Einbürgerungs-Effekt (Abb. 10). Im neuen Jahrtausend (2000 bis 2025) sind im Durchschnitt Jahr für Jahr rund 39'000 Ausländer eingebürgert worden, insgesamt 1'014'000 Personen. Die Einbürgerung integrierter Ausländer ist wichtig und richtig. Statistisch gesehen ergibt sich aber so etwas wie eine «Verzerrung». Eingebürgerte fallen als Ausländer weg.

Zusammenfassend lassen sich die Wachstumskomponenten der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung wie folgt darstellen:

Wachstumsanalyse der ständigen schweizerischen Wohnbevölkerung
Betrachtet man das jährliche Wachstum der ständigen Wohnbevölkerung mit Schweizer Bürgerrecht, lassen sich zwei Phasen unterscheiden: Ein volatiler Aufwärtstrend bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg (1947) und in der Folge ein ebenso volatiler Abwärtstrend bis heute.

Woran liegt das: am Geburtenüberschuss oder am Wanderungssaldo (Schweizer)? Und welches ist der Einbürgerungs-Effekt?
Hier die Daten zum Geburtenüberschuss:

Das Jahr 1946 war jenes mit dem höchsten Geburtenüberschuss (+39'924). Bis 1976 (+1'139) sackte der Geburtenüberschuss geradezu dramatisch ab. Die zwischenzeitliche Erholung bis 1989 (+9'841) war bloss eine Art Strohfeuer. 2025 überstiegen die Todesfälle (63'484) die Geburten (53'984) um nicht weniger als 9'500 Schweizerinnen und Schweizer. Übersteigert formuliert, stirbt die einheimische Bevölkerung in jüngerer Zeit Jahr für Jahr ein klein wenig weg.
Ein Vergleich mit den ältesten verfügbaren Daten aus dem Jahr 1886 macht deutlich, wie stark sich die Demographie verändert hat. Damals standen 73'902 Geburten 55'846 Todesfällen gegenüber, dies bei einer einheimischen Bevölkerung von 2'674'523. Während die Schweizer Wohnbevölkerung um fast 150% (146.68%) gewachsen ist, sind die Geburten um (-)26,95% gesunken und die Todesfälle um (bloss) 13,68% gestiegen.
Die ständige schweizerische Wohnbevölkerung «leidet» nicht nur am sinkenden und jüngst sogar negativen Geburtenüberschuss. Sie verliert auch Jahr für Jahr Bürgerinnen und Bürger ans Ausland. 1887 waren es 13'540, 1953 15'813, 2006 10'070 und zuletzt (2025) 6'333. Der jährliche Wanderungssaldo ist mit einer historischen Wahrscheinlichkeit von rund 75% negativ.

Auch bei den Schweizern gibt es Aus- und Ein- bzw. Rückwanderer. Hier die Daten seit 1990:

Die Einbürgerung von Ausländern haben wir bereits thematisiert. Sie sei hier – quasi aus der «Innensicht» – nochmals visualisiert:

Zusammenfassend ergibt die Wachstumsanalyse der ständigen schweizerischen Wohnbevölkerung folgendes Bild:

Der Befund ist ziemlich eindeutig: In den letzten 33 Jahren (seit 1993) wäre die schweizerische ständige Wohnbevölkerung ohne Einbürgerungen 31-mal gesunken. Die Ausnahme bilden die Jahre 2001 und 2014.
Die Schweiz braucht integrationsfähige und -willige Zuwanderer, solche, die uns voranbringen und, was das Ausmass betrifft, abgestimmt auf eine nachhaltige wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Entwicklung.
Max Lüscher-Marty, Zizers 16. Mai 2026